Außerschulische Lernorte

Praktika sind fester Bestandteil des Lehrplans an der Waldorfschule. Auf dem Weg ein aktives Mitglied der Gesellschaft zu werden, ist es von großer Bedeutung vielfältige Erfahrungen in der Lebenswelt zu machen und das im Unterricht Gelernte in realen Kontexten anzuwenden. Durch die Auseinandersetzung mit neuen Aufgaben und Herausforderungen können Praktika helfen, selbstständiges Handeln zu entwickeln, aber auch deutlich machen, wie wichtig gemeinsames Arbeiten im Team ist. Darüber hinaus geben sie den SchülerInnen die Möglichkeit, verschiedene Berufsfelder kennen zu lernen und so eigene Interessen und Fähigkeiten zu entdecken, die bei der späteren Berufswahl unterstützen können.
Am Ende jeder Praktikumszeit steht eine schriftliche Dokumentation in Form einer Selbstreflexion sowie ein Vortrag über Ablauf, Erlebnisse und Erfahrungen vor den Eltern und der nachfolgenden Klasse.

Landwirtschaft (9. Klasse / zwei Wochen)

An unserer Schule findet das Landwirtschaftspraktikum mit der gesamten Klasse auf einem Hof statt, der nach Demeter-Richtlinien arbeitet. Während dieser Zeit nehmen die Schüler am Alltag des Hoflebens teil und bekommen so Einblick in Arbeitsweisen und Bedeutung der biologischen Landwirtschaft: im Stall füttern und misten sie aus, auf dem Feld wird gesät, gejätet und geerntet. Sie helfen bei der Pflege von Pflanzen im Garten, bei der Käseherstellung und beim Brot backen.
Neben der Ausbildung praktischer Fähigkeiten soll hierbei vor allem ein Verständnis für biologische Kreisläufe und den Wert von Lebensmitteln gewonnen werden. Darüber hinaus ist dieses Praktikum ein Teil der Erziehung zur „Ehrfurcht vor der Natur“ einem zentralen Anliegen unserer Pädagogik.

Vom Leben lernen (VLL)/ drei bis vier Wochen

Aus der Erfahrung heraus, dass in der neunten Klasse häufig eine Schulmüdigkeit zu beobachten ist und zwei Wochen“ Auszeit“ im Landwirtschaftspraktikum nicht zu wenig sind, haben wir vor vielen Jahren das Projekt VLL ins Leben gerufen. Zum einen sollten die schon enormen Kräfte der 15- bis 16-jährigen Einsatz in körperlicher Arbeit finden, so dass am Ende des Tages für sie sichtbar wird, was sie Sinnvolles geleistet haben. Zum anderen sollte diese Arbeit mit einem sozialen Engagement verbunden sein.
Die Projekte, die wir auswählen, befinden sich an Orten, die essenziell Hilfe benötigen. Dort können die Schüler durch die Erfahrung, dass sie gebraucht werden, die Wichtigkeit ihres Handelns erleben. Sie bekommen Einblick in einfache, oft auch schwierige Lebensumstände, in denen nicht alles jederzeit zur Verfügung steht. Sie entdecken wie wichtig Kreativität und Improvisation sein kann um Probleme zu bewältigen und lernen eigene Ansprüche aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
Die Schüler bauen Gebäude, renovieren Häuser, entwerfen und bauen Spielgeräte, pflastern wichtige Zufahrtswege…. Sie lernen andere Kulturen kennen wie in Rumänien Ungarn Bulgarien Russland Moldawien ….
Ehemalige Schüler berichten noch Jahre danach, wie prägend diese Erfahrungen für sie waren. Aspekte wie das Entstehen eines gestärkten Selbstwertgefühls, das Entwickeln von Selbstwirksamkeit, aber auch von Teamfähigkeit, Offenheit, Akzeptanz des Andersseins und die Wertschätzung des eigenen Lebens werden mit dem vom Leben-Lernen-Projekt in Verbindung gebracht.

Betrieb (10. Klasse / drei Wochen)

In diesem Praktikum erhalten die Schüler Einblicke in die Berufswelt und können erste praktische Erfahrungen sammeln. Die SchülerInnen suchen selbst nach einem Betrieb. Dabei verlangt ihnen die Vielfalt der Möglichkeiten ab, sich intensiver mit ihren Interessen Richtung Berufswahl zu beschäftigen und sie lernen, dass es wichtig ist, sich frühzeitig um einen Platz zu kümmern, um eine geeignete Stelle zu finden, die diesen Interessen auch entspricht. Dieses Praktikum fördert die Schüler auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit, aber wo nötig, ist die Schule unterstützend tätig, so zum Beispiel beim Aufsetzen von Bewerbungsschreiben und durch Kontakt zu den SchülerInnen während ihrer Zeit in den Betrieben.

Feldmesspraktikum (10. Klasse/ 10 Tage)

Im Feldmesspraktikum sollen die Schüler erleben, wie das Fach Mathematik in der Praxis Anwendung finden kann. Auf der Grundlage der Trigonometrie lernen sie ein Gebiet zu vermessen und eine Karte zu zeichnen. Sie arbeiten mit Theodolit, Maßbändern und Fluchtstangen, berechnen Winkel und Entfernungen und fertigen, basierend auf den gesammelten Daten, Skizzen. Die Schüler arbeiten in Gruppen, die jeweils ein Teilgebiet kartieren. Um daraus später eine maßstabsgetreue Gesamtkarte des Gebietes entstehen zu lassen, bedarf es ein hohes Maß an Genauigkeit, Geduld und Teamfähigkeit. Hierbei wird der Schüler nicht durch den Lehrer, sondern durch objektive Gesetzmäßigkeiten korrigiert.
Ein wichtiger Lernaspekt über das Gesagte hinaus ist die Erfahrung, dass mathematische Kenntnisse und Umgang mit Vermessungsgeräten allein noch nicht zu einem guten Ergebnis führen. Schülern wird deutlich wie wichtig es ist, genau zu beobachten und Orientierung in der Natur zu entwickeln. Um das zu erleichtern wählen wir so weit wie möglich Vermessungsorte in reizvoller Umgebung. Ist nach vielen Mühen die Karte gezeichnet und farblich gestaltet, wird sie für ein Jahr neben dem Lehrerzimmer aufgehängt und kann von allen bewundert werden.

Soziale Einrichtung (11. Klasse / drei Wochen)

Neben dem Einblick in ein weiteres mögliches Berufsfeld, steht in diesem Praktikum die Auseinandersetzung mit sozialen Themen und die Übernahme von Verantwortung in einem Bereich, der eng mit zwischenmenschlichen Beziehungen verknüpft ist, im Vordergrund. Die Schülerinnen können hier erleben, dass Hilfe, die sie geben, auch eine Bereicherung für ihr eigenes Leben darstellen kann. Dabei werden sie in ihrer Bereitschaft gefordert, auf andere Menschen zuzugehen und sich auf neue Situationen einzulassen. Vor allem das Arbeiten mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen, kann die Jugendlichen vor große Herausforderung stellen, vor allem, wenn sie vorher noch nie Kontakt z. B. zu Behinderten- und Pflegeeinrichtungen oder Altersheimen hatten. Um wirklich neue Erfahrungen zu ermöglichen, soll das Praktikum außerhalb des Heimatortes stattfinden. Adressen von geeigneten, meist anthroposophischen Einrichtungen, werden den Schülern zur Verfügung gestellt. Sie können sich dort zu zweit oder dritt bewerben, da sich eine Austauschmöglichkeit mit vertrauten Personen in dieser intensiven Zeit als sehr hilfreich erwiesen hat. Ebenso wichtig ist eine Aufarbeitung des Erlebten nach der Rückkehr in die Schule.

Kunstfahrt (12. Klasse/ zwei Wochen)

Als letzte Fahrt im Laufe der Waldorfschulzeit steht eine Reise, die im Zusammenhang mit den Fächern Kunstgeschichte und Malen/Zeichnen steht. Sie verknüpft praktisch künstlerische Arbeit mit einem intensiven Erleben von Kunst und Kultur vor Ort und ist fester Bestandteil der ästhetischen und kulturellen Bildung an unserer Schule. Diese Fahrt soll ästhetische Sensibilität fördern und die Schüler dazu anregen, Kunst als Ausdruck menschlicher Kultur und Kreativität zu begreifen.
Zahllose kunstgeschichtlich bedeutende Orte kommen als Reiseziel dafür in Betracht. Unsere Schüler fahren vorzugsweise nach Griechenland. Es gab aber auch Reisen nach Florenz.
Vor der Kunstfahrt wird das Ziel im Unterricht vorbereitet. Die Schüler beschäftigen sich mit der Geschichte, Kultur und Kunst der Region. Vor Ort werden Museen und kulturelle Sehenswürdigkeiten besucht. In der Zeit für die praktische Arbeit absolvieren die Schüler Zeichen-, Mal- oder plastische Aufgaben. Referate werden gehalten und fotografische Bildserien erstellt. Großer Wert wird auf die Entwicklung eigener Ideen gelegt, die in den verschiedenen Bereichen der bildendenden Kunst Ergebnisse hervorbringen können. Zeitgenössische Ansätze werden ausdrücklich mit einbezogen.
Am Ende der Reise soll eine Mappe mit Ergebnissen der eigenen künstlerischen Arbeit vorgelegt werden. Dies können je nach Aufgabenstellung Zeichnungen Malerei, Fotografien oder auch plastische Objekte sein. Eine Präsentation der Ergebnisse und die Organisation einer abschließenden Ausstellung zählen mit zu den Aufgaben.